Persönlicher Erfahrungsbericht von COCOtravellern Gerald & Beatrix
North Island Okavango Camp · NG23A, Okavango Delta, Botswana
In der zweiten Maihälfte wechselten Gerald und Beatrix vom Khwai Private Reserve in den Norden des Deltas: zwei Nächte in einem Camp, das auf einer eigenen Insel im Sumpf steht, mit Flusspferden in der Lagune davor. Ob Safari überhaupt zu ihnen passt, hatte der erste Stopp beantwortet. Diesmal ging es um die Frage, was ein Gebiet ausmacht, in dem das Wasser nie verschwindet. Die Antwort kam über Kanäle, ein neugieriges Hyänenrudel und ein Tier, das viele Guides in ihrem ganzen Berufsleben nicht zu Gesicht bekommen.
Anflug auf eine Insel im Sumpf: die ersten Stunden im North Island Okavango Camp
Der Flug von der Piste bei Tuludi hierher ist kurz, und doch landen wir in einem anderen Botswana. Von oben wirkt das Gelände weiter, offener, beinahe einladender als im Khwai Private Reserve. Ein Trugschluss, wie sich am nächsten Tag zeigt: Was aus der Luft nach freier Fläche aussieht, ist unter den Rädern Sumpf.
Das North Island Okavango Camp liegt in der Konzession NG23A im Norden des Okavango Deltas, dort, wo das Wasser aus dem Hochland Angolas über den Okavango Panhandle eintrifft – jenen langen, schmalen Kanal, der das gesamte Delta speist. Deshalb steht hier das ganze Jahr über Wasser, während andere Gebiete saisonal trockenfallen. Praktisch heißt das, so wird es uns im Camp erklärt: Mokoro und Boot sind keine Frage des Monats. Die Fläche selbst gehört der Community – Vertragspartner von Natural Selection sind Nakwa und der Magobagoba Youth Trust, der Umsatzanteile in Ausbildung und Arbeitsplätze für junge Leute aus den umliegenden Dörfern steckt.
Auf die kleine Insel gelangen wir letztlich über zwei lange Holzstege und Brückenkonstruktionen; tags darauf sehen wir die lokale „Straßenmeisterei“ bei der Instandhaltung. Empfangen werden wir auf einer erhöhten Rampe, mit gekühltem Erfrischungstuch, bevor es weiter zur Rezeption geht. Warum eine Rampe, wenn ohnehin das gesamte Camp auf Pfählen steht? Weil sie den Ausstieg aus dem Land Cruiser auf Sitzhöhe bringt. Wer über eine hohe Fahrzeugkante nicht mehr gut hinwegkommt, steigt hier einfach hinüber – auch aus dem Rollstuhl heraus. Zusammen mit den durchgehenden Holzstegen zwischen Zelten und Hauptbereich kommt das Camp damit näher an Barrierefreiheit heran, als man es mitten im Delta erwarten würde.
Im Bereich von Rezeption, Restaurant und Stardeck steht ein Sausage Tree, der Leberwurstbaum, aus dessen Stämmen früher die Mokoros gefertigt wurden, die traditionellen Einbaum-Kanus des Deltas. Ein Baum als Erklärung für fast alles, was hier auf dem Wasser passiert.
COCO-Tipp
Wer das North Island Okavango Camp mit einem Landcamp kombiniert, sollte die Reihenfolge bewusst wählen. Wir kommen aus dem Khwai Private Reserve, wo Offroad-Fahrten und Nachtpirsch erlaubt sind, und landen anschließend in einem Gebiet mit deutlich strengeren Regeln. Umgekehrt funktioniert es für manche eventuell besser: erst die Wasserwelt und die Kanäle, dann die Bewegungsfreiheit im Gelände.




Zelt 3 im North Island Okavango Camp: die Badewanne steht direkt hinter dem Moskitogitter
Sieben Zelte gibt es hier, eines davon für Familien. Unseres ist die Nummer drei, wie alle anderen auf einer erhöhten Holzplattform unter altem Baumbestand, die Lagune vor sich. Rund 140 m² Innen- und Außenfläche, Badezimmer, Innen- und Außendusche, ein Plunge Pool auf der Terrasse im Schatten.
Beim Betreten fällt zuerst die schwarze Anrichte auf, darauf irdene Krüge, dahinter der Übergang in eine kleine Bar mit Keksen, Snacks und Biltong – jenem luftgetrockneten, gewürzten Rindfleisch, das im südlichen Afrika zu jeder Tageszeit gegessen wird. Alles inkludiert, und genau das wird mir zum Verhängnis: Weil es einfach dasteht, greife ich ständig zu. Müsste ich dafür zahlen, hätte ich die Finger stillgehalten.
Mein Lieblingsdetail ist eine Wanne. Draußen steht keine, dafür sitzt die Badewanne im Zelt unmittelbar hinter dem Insektenschutzgitter, mit freiem Blick auf die Lagune. Man badet drinnen und sitzt dabei fast im Freien. Das Design ist modern und erdig, eine Spur kühler, als wir es aus dem Schwestercamp kennen.
Ebenso wie das Tuludi ist auch North Island nicht umzäunt, die Voraussetzung dafür, dass die Tiere ihre Wege behalten. Praktisch heißt das: Nach Einbruch der Dunkelheit wird man zwischen Zelt und Hauptbereich begleitet, und in jedem Zelt steht ein Signalhorn bereit.






Nachmittagstee unter dem Leberwurstbaum: Kulinarik im North Island Okavango Camp
Es gibt sowohl einen großen gemeinsamen Tisch als auch genügend Individualplätze, um vorzüglich zu speisen. Ein Austausch unter den Gästen ergibt sich meist, weil so wenige da sind: Morgens vor dem Game Drive, nachmittags beim Tee, abends am Stardeck oder an der Feuerstelle kommt man bei sieben Zelten zwangsläufig miteinander ins Gespräch, vorwiegend über die Entdeckungen des Tages. Nachgeholfen wird dabei bewusst: In der Main Area gibt es kein WLAN, damit die Gespräche nicht am Bildschirm enden.
Der Nachmittagstee wird am Hauptdeck im Schatten des großen Baumes aufgebaut. Es gibt Sandwiches, Gemüsecremebällchen, eine Roulade, Zitronenkuchen und einen Fruchtteller, dazu Säfte und für alle, die möchten, Aperol, Amarula oder Wein. Danach geht es direkt auf den Afternoon Game Drive.



Beim Dinner kocht Mr. T groß auf: Lamm, Fisch und Huhn, dazu Beilagen, die mehr Aufmerksamkeit bekommen als üblich. Unsere Wünsche werden vorab nicht nur notiert, sondern noch einmal in Ruhe mit uns durchgesprochen. Ihn selbst sehen wir eigentlich nur lächelnd, entweder über der Pfanne oder an unserem Tisch, wenn er das Menü ankündigt. Die Seele dieser Küche ist er ganz sicher. Den Pizzaabend am Holzofen, zweimal wöchentlich, kennen wir nur aus seiner Erzählung – in unsere zwei Nächte fällt leider keiner.





Beim Frühstück gibt es zwei Wege: die gemischte Variante im Camp mit Früchten, Cerealien, warmen Eiergerichten und Aufschnitt oder das packed Breakfast für den Morning Game Drive. Auch hier werden wir vorher nach unseren Vorlieben gefragt und finden anschließend genau das an der Wagenfront von Parks aufgebaut. Daneben steht das eigentliche Highlight: Coffee Amarula, im Buschslang Ranger’s Special genannt: heiße Schokolade, Kaffee und ein Schuss Likör. Wärmt und hebt die Stimmung an jenem Punkt, an dem die Wärmflasche das allein nicht mehr schafft.
Mokoro, Boot und Angel: was permanentes Wasser im Okavango Delta möglich macht
Wo in saisonalen Gebieten die Kanäle im Lauf des Jahres verschwinden, bleiben sie rund um das North Island Okavango Camp befahrbar. Auf der Mokorofahrt kommen wir an einem Elefanten vorbei, der sich mit dem Rüssel Wasser über den Rücken schaufelt und uns dabei souverän ignoriert. Auf der Bootstour sonnt sich ein Krokodil so unbeteiligt, dass Beatrix zweimal hinsehen muss, ob es echt ist. Ich schwinge die Angel zwischendurch, ohne Erfolg und Ertrag – was, wie wir lernen, an der Jahreszeit liegt und nicht am Talent.
COCO-Tipp
Fürs Angeln ist der Mai die falsche Zeit. Parks nennt August bis November als jene Monate, in denen sich das Thema wirklich lohnt. Grundsätzlich gilt für die Region: April bis Oktober ist trocken bei hohem Wasserstand und damit ideal für Mokoro und Boot. Oktober bis März bringt die grüne Saison mit Jungtieren und brütenden Vögeln. Beides ist großartig, aber es sind zwei verschiedene Urlaube. Gefischt wird übrigens catch and release, im Jänner und Februar ist wegen der Laichzeit gesperrt.




Game Drives im North Island Okavango Camp: Wasser verstehen und trotzdem die meisten Tiere sehen
Hierher kommt man, um das Delta und seine Wasserwege zu verstehen. Daraus folgt aber nicht, dass die Pirschfahrten Nebensache wären. Anders als im Khwai Private Reserve dürfen die Wege grundsätzlich nicht verlassen werden, und Nachtpirsch gibt es keine: Gegen halb sieben sind wir meist am Weg zurück ins Camp. Eine winzige Ausnahme gilt für Raubtiere: Wer einer frischen Spur folgt, darf dafür kurz von der Piste abweichen. Genau in diesem engeren Rahmen erleben wir die höchste Tierdichte unserer gesamten Botswana-Reise.





Auf der Liste (die wir NICHT führen) stehen eine Warzenschweinfamilie, zwei Leoparden, ein Hyänenrudel mit Jungen, die neugierig um unser Fahrzeug streichen und es von allen Seiten prüfen, ein Löwenrudel auf der Jagd und ein Tier, mit dem niemand rechnet.
Einmal bleiben wir stecken und müssen von einem zweiten Wagen aus dem Sumpf gezogen werden. Gehört dazu, wenn ein Gebiet ganzjährig Wasser führt.
Out of the Ordinary
Löwen bei der Arbeit
Früher Morgen, die Sonne hat noch kaum Höhe gewonnen. Ein Rudel setzt zum Jagdversuch an, und was wir sehen, ist pure Organisation: Positionen werden bezogen, Blicke gewechselt, minutenlang passiert scheinbar nichts, dann setzen sich mehrere Tiere in Bewegung. Es geht nicht auf, das Rudel bleibt hungrig.




Die umliegenden Camps helfen einander mit Sichtungen, weil das Gelände zu dieser Jahreszeit schwierig zu befahren ist. Ein Gedränge entsteht daraus nicht: Nur beim Löwenrudel stehen wir mit vier oder fünf Fahrzeugen, sonst sind es maximal zwei bis drei, meistens keines außer unserem.
Out of the Ordinary
der Funkspruch auf dem Rückweg
Als wir abends von der Bootstour zurückkehren, knackt das Funkgerät. Parks hört zu, dreht den Wagen und gibt Gas, ohne uns zu verraten, worum es geht. Wir raten die ganze Fahrt über: Gepard? Wildhunde? Am beschriebenen Ort liegt unter einem Baum ein großes Pangolin, ein Schuppentier – jenes scheue, nachtaktive Säugetier, das auf asiatischen Märkten hoch gehandelt wird und darum zu den am stärksten bedrohten Arten überhaupt zählt. Unter Guides gilt diese Sichtung als Sechser im Lotto. Wir stehen da und begreifen erst nach und nach, was gerade passiert ist.



Unser Guide Parks und der Satz, der den Aufenthalt dreht
Am ersten Tag haben wir das Gefühl, Parks sei angespannt. Wir vergleichen unwillkürlich mit dem, was wir im Schwestercamp erlebt haben, und liegen damit völlig daneben. Vor uns war eine Gruppe im Camp, die jeden Abend bis spät sitzen blieb – und ein Guide geht erst schlafen, wenn die Gäste im Bett sind. Um vier Uhr früh beginnt der nächste Dienst mit den Vorbereitungen. Dann bleiben wir auch noch mit dem Wagen stecken (was für uns natürlich einen Teil der Experience ausmacht, schließlich sind wir in sumpfigen Gelände unterwegs).
Also sagen wir es ihm: Wir haben keine Hitlist, wir nehmen mit, was kommt, und wir wollen einfach eine gute Zeit haben, er soll sich entspannen und sie mit uns haben. Ab diesem Moment stimmt es. Was danach kommt, ist die dichteste Reihe an Begegnungen unserer gesamten Botswana-Reise.


COCO-Tipp
Trinkgeld für Guides mitnehmen
Üblich sind rund 10 US-Dollar pro Person und Tag für den Guide, in bar, so haben wir es auch gehandhabt. Warum wir das für angemessen halten: Anders als etwa im Krüger-Nationalpark, wo ein Fahrer den Hinweisen eines Spotters folgt, macht der Guide hier alles zugleich. Er lenkt, liest Spuren, erklärt die Umgebung und behält die Gruppe im Auge. Dazu kommen Dienstpläne von rund sechs Wochen durchgehend, dann eine Woche frei.
Was man wissen sollte
Eröffnet wurde das North Island Okavango Camp 2023 mit drei Zelten, die übrigen kamen erst später dazu. Man merkt das: Es ist neuer und moderner als sein Schwesterhaus, jedoch hätten wir uns in der Aufmerksamkeit des Teams an einzelnen Stellen etwas mehr Feingefühl gewünscht. Einmal sitzen wir rund eine Viertelstunde im Restaurant zum Mittagessen, bevor uns jemand bemerkt. Auf der Couch im Zelt liegen Polster mit kleinen Löchern im Bezug, in einem Handtuch findet sich ebenfalls eines. Beides ist in der Personalführung leicht zu lösen – aber beides fällt in dieser Preisklasse eben auf.
Massage, Boxsack und Bibliothek: was zwischen den Game Drives möglich ist
Der Spa ist wie die Zelte auf die Lagune ausgerichtet, bodentiefe Fenster, sehr hell. Wir buchen zwei Anwendungen, eine Deep Tissue Massage und eine Hawaiian Massage, gearbeitet wird mit Produkten von Healing Earth.
Wer sich lieber selbst bewegt, findet ein überschaubares Fitnessstudio mit Laufband, Boxsack und einem Kombigerät aus Hantelbank und Langhantel. In jedem Zelt liegt zusätzlich ein Korb mit Yogamatte und Bändern bereit; wir rollen unsere auf der Terrasse aus, mit Papyrus statt Spiegelwand vor der Nase.
Dazu kommen eine sorgfältig zusammengestellte Bibliothek und ein kleiner Shop mit Souvenirs. Ehrlicherweise bleibt zwischen Morning Game Drive, Mokoro und Nachmittagsausfahrt kaum Zeit, das alles ernsthaft zu nutzen. Wer das Camp selbst erleben möchte, muss dafür bewusst eine Ausfahrt auslassen.






Für wen passt das North Island Okavango Camp?
Ideal für Vogelbegeisterte – in dieser Region des Deltas werden über 350 Arten gezählt, darunter der seltene Pel's Fishing Owl. Ebenso für Reisende, die verstehen möchten, wie das Wasser dieses Ökosystem formt.
Besonders schön für Paare, denen Mokoro, Boot und Angel mindestens so wichtig sind wie das Fahrzeug, und für alle, die modernes, puristisches, erdiges Design mögen.
Weniger passend für Gäste, die vor allem wegen freier Geländefahrten und Nachtpirsch nach Botswana kommen: Nachtpirsch findet hier nicht statt, und abseits der Piste geht es nur auf Raubtierspur. Wer die maximal familiäre, warm gepolsterte Camp-Atmosphäre sucht, findet sie eher in älteren Häusern.
Worauf man vor der Buchung achten sollte: Familien buchen Zelt 7, das einzige Familienzelt im Camp. Kinder sind ab sechs Jahren willkommen; angesichts der offenen Lage direkt am Wasser sollte man das mit jüngeren Kindern gut abwägen, zumal die Plunge Pools keine Tiefenmarkierung haben. Die sinnvolle Reisezeit hängt am Interesse: hoher Wasserstand von April bis Oktober, grüne Saison mit Jungtieren von Oktober bis März, Angeln von August bis November. Und zwei Nächte sind knapp – bei drei Nächten geht sich Wasser, Land und Ruhezeit ohne Auswahlzwang aus.

Warum ausgerechnet ein unscheinbares Tier unser Bild von Safari korrigiert hat
Ich bin mit einem Bild im Kopf nach Botswana geflogen, das aus alten Filmen stammt: Großwildjäger, Trophäen an der Wand, Gewehre, viel männliche Selbstdarstellung. Dieses Bild ist weg, und das North Island Okavango Camp hat den größten Anteil daran – nicht wegen der Löwen, sondern weil hier ein Tier zur Hauptattraktion wird, das niemandem gefährlich werden kann und das kaum ein Gast je zu sehen bekommt.
Zurück bleiben zwei Szenen: ein Rudel, das sich im Morgenlicht sortiert, und ein nachtaktives Schuppentier unter einem Baum. Wenn wir wiederkommen, dann zwischen August und November, eventuell mit einer Angel im Gepäck und mit mehr als zwei Nächten.

TEXT Gerald Voggenberger · FOTOS Beatrix Voggenberger
Häufige Fragen zum North Island Okavango Camp
Reisebericht: Gerald & Beatrix, COCOtravel
North Island Okavango Camp
NG23A · Okavango Delta · Botswana







